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7. Dezember

7. Türchen geöffnet von Malena Schulz, Jugendchor

heute: Hilfe, die Herdmanns kommen - Teil 1

Die Herdmann-Kinder sind die schlimmsten Kinder aller Zeiten. Sie lügen, klauen, rauchen Zigarren (auch die Mädchen) und bringen die Nachbarn zur Verzweiflung. Jetzt haben sie es sogar geschafft, sämtliche Rollen in dem Krippenspiel zu bekommen, das zu Weihnachten aufgeführt werden soll. Natürlich erwartet jeder das schlimmste Krippenspiel aller Zeiten ... Aber es kommt ganz anders, denn die Herdmanns übertragen die Weihnachtsgeschichte völlig unvoreingenommen in ihr eigenes Leben und wecken damit bei den Zuschauern ein ganz neues Verständnis für die Weihnachtsbotschaft.

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Hilfe! Die Herdmanns kommen!

Die Herdmann-Kinder waren die schlimmsten Kinder aller Zeiten. Sie logen und klauten, rauchten Zigarren (sogar die Mädchen) und erzählten schmutzige Witze. Sie schlugen kleine Kinder, fluchten auf ihre Lehrer, mißbrauchten den Namen des Herrn und setzten den alten, verfallenen Geräteschuppen von Fred Schumacher in Brand. Das Gerätehaus brannte nieder bis auf den Grund, und ich glaube, das überraschte die Herdmanns. Sie setzten ständig etwas in Brand, aber es war das erste Mal, daß sie es schafften, ein ganzes Gebäude niederzubrennen. Sie waren wirklich so rundherum schrecklich, daß man kaum glauben konnte, daß es sie wirklich gab: Ralf, Eugenia, Leopold, Klaus, Olli und Hedwig - sechs magere, dünnhaarige Kinder, die sich nur dadurch voneinander unterschieden, daß sie verschieden groß waren und an verschiedenen Stellen blaue Flecken aufwiesen, die sie sich gegenseitig beigebracht hatten. Wir waren überzeugt, daß sie direkt auf die Hölle zusteuerten, mit dem Umweg über die Staatliche Besserungsanstalt - bis sie sich mit meiner Mutter, der Kirche und unserem Krippenspiel einließen.

Meine Mutter hatte nicht erwartet, daß sie etwas mit dem Krippenspiel zu tun haben würde. Aber als dann Frau Amstrong hinfiel und sich das Bein brach, wurde sie in die Sache hineingezogen.

Natürlich dachte niemand auch nur im Entferntesten an die Herdmanns im Zusammenhang mit dem Krippenspiel. Die meisten von uns wurden die ganze Woche über in der Schule von den Herdmanns herumgepufft, gestoßen und gezerrt und freuten sich auf den Sonntag. Es war der Tag, an dem man vor den Herdmanns Ruhe hatte.

Einmal im Monat ging die gesamte Sonntagsschule in die Kirche, um in den ersten 15 Minuten des Gottesdienstes etwas Besonderes zu bieten, ein Lied, ein Gleichnis aus der Bibel oder einen Vers.

Aber als mein Bruder Charlie in die Sonntagsschule ging, ließ sich die Lehrerin etwas Neues einfallen. Jeder sollte auf einen Zettel schreiben oder malen, was er an der Sonntagsschule am meisten mochte Und als wir alle in der Kirche waren, stellte sie sich vor die Gemeinde und sagte: "Heute werden uns einige unserer kleinsten Jungen und Mädchen erzählen, was die Sonntagsschule für sie bedeutet. Betty, was hast du auf deinem Zettel stehn?"

Betty Ketterer stand auf und sagte: "Was ich in der Sonntagsschule am meisten mag, ist das schöne Gefühl, das ich habe, wenn ich hingehe." Ein Kind sagte, es höre so gern die Biblische Geschichte. Schließlich sagte die Lehrerin: "Wir haben gerade noch für einen Zeit. Charlie, was kannst du uns über die Sonntagsschule erzählen?"Mein kleiner Bruder Charlie stand auf, und er mußte nicht einmal auf seinen Zettel schauen. "Was ich an der Sonntagsschule am meisten mag", sagte er, "ist, daß es hier überhaupt keine Herdmanns gibt."

Als wir ihn nach der Kirche abholten, sagte die Lehrerin zu uns: "Ich bin sicher, daß es noch viele andere Dinge gibt, die Charlie an der Sonntagsschule gefallen." Sie lächelte uns allen zu, aber man konnte sehen, daß sie richtig wütend war.

Auf dem Heimweg fragte ich Charlie: "Was sind denn die anderen Dinge, die dir angeblich gefallen?" Er zuckte mit den Achseln. "Ich mag ja den anderen Kram. Aber sie sagte, wir sollen aufschreiben, was wir am meisten mögen. Und was ich am meisten mag, sind keine Herdmanns."

Während der ganzen zweiten Klasse war Charlie mit blauen und grünen Flecken übersät, weil er neben Leopold Herdmann sitzen mußte. Aber letzten Endes war es sogar Charlies Schuld, daß die Herdmanns in der Kirche aufkreuzten. Drei Tage hintereinander klaute Leopold Herdmann die Süßigkeiten aus Charlies Frühstückspaket, und schließlich hatte Charlie keine Lust mehr, etwas dagegen zu unternehmen.

"Nimm's dir! Nur zu!", sagte er. "Mir macht das nichts aus. Ich bekomme ja so viel Süßigkeiten, wie ich will in der Sonntagsschule."

"Du lügst!", sagte Leopold und - Leopold hatte recht. Wir bekamen Ostereier zu Ostern und ein Stück Kuchen beim Kinderfest, das war alles.

"Wir bekommen auch Eis", fuhr Charlie fort. "Und Krapfen und Popcorn."

"Von wem denn?" wollte Leopold wissen.

"Vom Pfarrer", sagte Charlie. Ihm fiel nichts anderes ein. Das war natürlich das Verkehrteste, was man den Herdmanns erzählen konnte, wenn man wollte, daß sie wegblieben.

Und -wie konnte es anders sein- schon am nächsten Sonntag waren sie da. Sie schlurften in die Kirche und hielten gespannt Ausschau nach den Süßigkeiten.

"Wo gibt's den Kuchen?" fragte Ralf den Sonntagsschulpfarrer.

Und Herr Greder sagte: "Mein Sohn, ich weiß nichts von einem Kuchen. Aber draußen in der Küche sammeln sie gerade die Essenspakete ein." Er meinte die Essensspenden, die wir jedes Jahr [am Erntedankfest] für das Waisenhaus stifteten.

Es war unser Pech, daß die Herdmanns gerade diesen Sonntag erwischten, denn als sie all die Dosen mit Spaghetti, Bohnen, Erdnußbutter und Pampelmusensaft sahen, mußten sie annehmen, daß doch etwas wahres an dem war, was Charlie über die Süßigkeiten erzählt hatte.

Also blieben sie. Zwar sangen sie keine Lieder mit und beteten auch nicht, aber dafür kamen sie zu etwas Geld. Ich sah jedenfalls, wie Eugenia eine Handvoll Münzen aus dem Kollektenteller nahm, als er an sie weitergereicht wurde.

Am Ende dieses Vormittags kam Herr Greder in alle Klassen und machte eine Mitteilung. "Wir beginnen bald mit den Proben für unser Weihnachtskrippenspiel", sagte er. "Nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst werden wir uns alle hinten im Gemeindesaal versammeln und festlegen, wer die Hauptrollen spielt."

Am nächsten Sonntag:

Nach der Kirche gingen wir in den Gemeindesaal, der hinter der Kirche lag. Drei Sonntagsschullehrer sollten für Ruhe sorgen. Es war gar nicht einfach, alle Kinder still zu halten.

"Keine Angst, es wird nicht lange dauern", fing meine Mutter an. "Zuerst möchte ich euch etwas von den Proben erzählen", sagte Mutter. "Wir werden jeden Mittwoch [Abend] hier um halb sieben proben. Die Kleinen aus der Vorschule und die Erstkläßler werden unsere Engel sein. Das mögt ihr doch - oder?" fragte Mutter.

Alle sagten ja. Was konnten sie auch anderes sagen!

"Die älteren Jungen und Mädchen brauchen wir als Hirten, als Gäste in der Herberge und als Engelchor."

Mutter zog die Sache wirklich im Blitztempo durch, und ich dachte, wie sich Frau Amstrong über all die Sachen aufregen würde, die [Mutter] einfach wegließ.

"Und dann brauchen wir Maria und Josef, die drei Weisen aus dem Morgenland und den Engel des Herrn. Nun wir wissen alle, was für ein Mensch Maria war. Sie war ruhig und freundlich und gütig, und das Mädchen, das die Maria spielt, sollte versuchen ebenso zu sein. Ich werde erst einmal fragen, wer sich dafür meldet, und dann entscheiden wir alle zusammen, welches Mädchen die Rolle spielen soll."

Die einzige, die diesmal die Hand hob, war - Eugenia Herdmann.

"Hast du noch eine Frage, Eugenia?" fragte meine Mutter. Ich glaube, das war der einzige Grund, den sie sich vorstellen konnte, weshalb Eugenia sich meldete.

"Nein", sagte Eugenia. "Ich will die Maria sein." Sie schaute über die Schulter nach hinten. "Und Ralf möchte der Josef sein."

"Jawoll", sagte Ralf.

Mutter starrte sie nur an. Es war wie in einem Kriminalfilm, wo die nette, kleine, alte, grauhaarige Dame einen doppelläufigen Revolver aus dem Handtäschen zieht, zum Bankbeamten sagt: "Rück den Zaster raus, aber dalli!" und man dasitzt und es einfach nicht glauben kann. Mutter konnte das hier nicht glauben.

"Nun sagte", sagte sie nach einer Minute. "Wir wollen erst ganz sicher sein, daß jeder eine Chance bekommt. Wer meldet sich noch für den Josef?" - Niemand meldete sich.

"Na gut", sagte Mutter. "Ralf wird unser Josef sein." Auch für die Weisen aus dem Morgenland meldete sich niemand außer Leopold, Klaus und Olli Herdmann.

Da stand also meine Mutter und hatte ein Krippenspiel am Hals mit lauter Herdmanns in den Hauptrollen. Eine Herdmann und eine Hauptrolle waren noch übriggeblieben, und es bedurfte keiner besonderen Klugheit, sich auszurechnen, daß Hedwig den Verkündigungsengel spielen würde.

Fortsetzung folgt.