779 Jahre St. Nikolai Rinteln
weltweit 500 Jahre  Reformation



 

Da pfeift ja schon der Wind durch“

Bunte Fenster der Nikolaikirche werden saniert, ein Jahr lang und für 270000 Euro

 

Frau Eikmeier vom Kirchenvorstand mit der von ihr gestalteten Info-Wand zur Fensterrenovierung

RINTELN. Wer arglos die Nikolaikirche betritt, bekommt wohl erst mal einen Schreck: Der gesamte hohe Altar ist in eine blaue Plastikfolie gehüllt, ebenso wie die beiden großen Epitaphe. Außen an der Südseite hat man vielleicht schon das Baugerüst gesehen. An solche Anblicke wird man sich gewöhnen müssen: Die Kirchenfenster im Chor mit ihrer bunten Bleiverglasung werden von Grund auf saniert.

Wenn man darüber mit Bauleiter Heinrich Winkelmann vom Amt für Bau und Kunstpflege der Landeskirche spricht, könnte man meinen, die Fenster seien schon Jahrhunderte alt. Die Eisenverankerung der einzelnen Fenstertafeln sei rostig geworden und habe möglicherweise bereits die Sandsteinsäulen angegriffen. Der Kitt, mit dem die zum Teil sehr kleinen einzelnen Scheiben mit den Bleirouten verbunden sind, sei fast ganz verschwunden, der Mörtel brüchig und die Farbe des Glases habe durch Kondenswasser gelitten. „Man muss alles ausbauen, allein schon, um zu prüfen, was die Altvorderen da eigentlich gemacht haben“, sagt er.

Fenster ersetzten dieNotverglasung nach 1945

Tatsächlich aber sind die Fenster noch keine sechzig Jahre alt. Sie ersetzten die Notverglasung der Nachkriegszeit, die nötig wurde, als im April 1945 mit der Sprengung der Weserbrücke zugleich auch alle Kirchenfenster zersprangen. Der aus Rinteln stammende Glaskünstler Eberhard Klonk hatte die neuen Chorfenster gestaltet und in seiner Marburger Werkstatt angefertigt. Die genannten Probleme seien typisch für diese Art von Fenstern, meint Heinrich Winkelmann. Vor allem die Rostentwicklung und überhaupt Luftfeuchtigkeitsschäden stellen regelmäßig eine große Gefahr dar.

Was im Einzelnen getan werden muss, stellt sich in den nächsten Wochen heraus. Keine Frage aber ist, dass die insgesamt 45 Tafeln der Chorfenster abgenommen und nummeriert werden müssen. Man verpackt sie dann sorgfältig und bringt sie in einer der wenigen Glaswerkstätten, die noch mit diesem alten, mundgeblasenen Glas umgehen können. Dort wird die eingebrannte Farbe erneuert, einzelne Mosaikstücke werden ganz ausgetauscht und die fehlerhaften feinen Bleibahnen repariert. „Das ist nötig“, sagt Winkelmann. „Da pfeift ja schon der Wind durch.“

Bei diesen Arbeiten werden viel Staub und Dreck anfallen, auch wegen des Mörtels an den waagerechten „Windeisen“, die die einzelnen Mosaiktafeln tragen und sie mit dem umgebenden Stein verbinden. Deshalb also die Folien um den wertvollen Altar, die allerdings bald durch eine sogenannte „Einhausung“ ersetzt werden, eine Art Holzkiste, in der der Altar ganz verschwinden wird.

Die Rintelner Künstlerin Gisela Gührs hat bereits einen Ersatzaltar entworfen, ein schlichter Glastisch mit Holzkreuz. „Damit kommen wir schon klar“, sagt Pastorin Sabine Schiermeyer. „Wir sind so froh, dass die schon länger anstehende Sanierung jetzt endlich beginnt.“

Etwa ein Jahr werden die Arbeiten andauern. Die dafür angesetzten 270000 Euro werden zu einem kleinen Teil vom Kirchenkreis, zum größten Teil von der Landeskirche übernommen. „Die Nikolai-Gemeinde kann sich glücklich schätzen, dass sie in das landeskirchliche Sanierungsprogramm aufgenommen wurde“, so Ulf Pöhler, als stellvertretender Leiter im Kirchenamt zuständig für bauliche Maßnahmen im sakralen Bereich. „Nicht überall, wo Ähnliches vielleicht auch nötig wäre, können wir so etwas finanzieren.

Man muss alles ausbauen, allein schon, um zu prüfen, was die Altvorderen da eigentlich gemacht haben.

Heinrich Winkelmann,

Amt für Bau und Kunstpflege

der Landeskirche

Von Cornelia Kurth Schaumburger Zeitung am 21.05.2016 Seite 10

 

 








Das "Schutzhaus" des Altars
Die doch beeindruckend große Staub-Schutz-Wand (77 qm) im Chorraum wurde geschlossen und kann nun ihren Zweck erfüllen: Sie schützt den Kirchraum vor Staub und Schmutz bei den nun folgenden Arbeiten des Ein- und Ausbaus der Chor-Fenster im Laufe des Sommers 2016.

Gedanken zu Gisela Gührs' Altartisch-Entwurf

Ein Altar ist zunächst ein Tisch.

 

 

Der Altar erfüllt die Funktion, dass an ihm das Abendmahl gefeiert werden kann. Dem Abendmahl wohnt der Verweis auf das Opfer inne. Der Altar ist also ein Abendmahls- und Opfertisch. Kein Tisch wie jeder andere, sondern ein Tisch, der den Verweis auf eine heilige Handlung zwar sichtbar machen soll, aber dennoch funktional sein muss.
Aus diesem Grund hat die Künstlerin Gisela Gührs ihren Altarentwurf nicht rechteckig gestaltet. Der Tisch weist eine trapezförmige Form auf und weicht dadurch von den meisten gebräuchlichen Tischformen deutlich ab.
Optisch findet also von der breiten Stirnseite aus betrachtet eine deutliche Verjüngung des Tisches statt. Hierdurch wird symbolisiert, dass alles im Leben auf einen Punkt hin zuläuft. Dieser Punkt mag als das Ende des Lebens gedeutet werden, was für uns Christen ja auch der Beginn des ewigen Lebens ist. Die trapezförmige Gestaltung des Tisches lässt auch die Assoziation zu einem Weg zu. Das Leben von uns Christen kann als Weg zu der zentralen Figur unseres Glaubens, zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes des Allmächtigen, angesehen werden.
In der theoretischen Mathematik schneiden sich zwei Parallelen erst im Unendlichen. Auch die Unendlichkeit ist ein Begriff des Göttlichen, sie ist das einzig mögliche Maß für die Größe des Allmächtigen. Wenn man einen starken Eindruck dieser Idee erlangen möchte, sollte man sich den Tisch von der schmalen Stirnseite her betrachten. Dann wird nämlich die Zentralperspektive außer Kraft gesetzt und die beiden Längsseiten scheinen parallel bis in die Unendlichkeit zu verlaufen.
Die Künstlerin hatte nach ihrem Entwurf ein passendes Altar-Kreuz fertigen lassen.

Beides - der Altartisch und das Altarkreuz - schmiedete der Schmied Herr Kuhlmann in Engern.

In der Betrachtung dieser ungewöhnlichen Perspektiven liegt der besondere Sinn und Reiz der Bauform von Gisela Gührs' Altarentwurf. Aus Stahlblech geschweißt vermittelt er zudem eine gewisse Stabilität, also Verlässlichkeit. Die rostige Haptik des Materials schafft eine Aura des Vergänglichen, vermittelt also Assoziationen zum Menschen mit seiner kurzen Spanne Zeit auf Erden im Gegensatz zum Unendlichen, Göttlichen.
Dies sind nur einige Gedanken zur Form des beweglichen Altartisches in der Nikolaikirche. Dass der Tisch bei aller Stabilität auch von zwei Personen getragen werden kann, möge noch ein weiterer Verweis auf das Leben des Menschen sein, der - immer unterwegs - auch seinen Altar einmal mitnehmen können muss, wenn die Umstände dies erfordern.
Dr. Andreas Hoppe, Rinteln, Mai 2016.